Donnerstag, 9. Juli 2009

Literaturtheorie und praktische Theologie

Mittlerweile nehmen ja nun sogar schon meine Examensthemen Gestalt an und ich bin mit dem Erstellen von Literaturlisten beschäftigt. Eins meiner Themen in Literaturwissenschaft wird die "Lyrik der Moderne" und alsbald hab ich dann auch rausgefunden, dass es da wohl 2 große theoretische Standardwerke gibt, auf die oft verwiesen wird. Und tatsächlich gibt es beide Werke an der Uni in Tübingen, eines sogar in der neuphilologischen Biblithek! Das andere allerdings nur um Theologicum. Keine Ahnung was die "Struktur der modernen Lyrik" in der evangelischen Theologie zu suchen hat, aber ich hatte mir die Signatur mal notiert.

Da ich zu faul war, sogleich von der einen Biblithek zur anderen zu wandern, hab ichs mir vor Ort ein wenig gemütlich gemacht und geschaut, was denn die Germanistik so für Bücher in ihren Regalen stehen hat. In einem sympatisch handlichen Buch stand dann auch schon in der Einleitung, dass dieses Werk vor allem für die gedacht sei, die nur sehr geringe Vorkenntnisse über die deutsche Literatur besitzen. Ahja... gut dass dieses Werk im Brecht Bau steht und nicht im Theo. Beim weiteren durchblättern fand ich hoch spannende Interpretationsansätze. Oder hättet ihr auch nur vermutet, dass es sich bei Rilkes "Blaue Hortensie" nicht nur um eines von Rilkes Blumengedichten handelt, sondern zugleich auch noch die Thematik der Farben eine wichtige Rolle spielt? Und danach gings dann sogar noch weiter in der die Tiefe wenn beschrieben wird, dass Rilke eigentlich viel mehr Gedichte über Rosen geschrieben hat, als über Hortensien!!! Als ich das Ding genervt zuklappen wollte ist mir auf der Innenseite des Buchdeckels noch folgender Aufkleber aufgefallen: "Finanziert durch Studiengebühren!" Yeah, die Lehre ist gerettet! Mit diesem Werk im Gepäck, was soll mir da im Examen noch groß passieren?

Ich bin dann also doch ins Theo marschiert und hab das besagte andere Buch gesucht. Das Buch gab dann auch schon weit mehr her, wobei ich allerdings geschockt war, in welcher Abteilung des Theos sich das Werk befindet: Praktische Theologie! Und das war kein Einzelwerk, dass sich dorthin verirrt hatte, sondern es fanden sich 2 Regale voll mit Büchern, die man sonst eher im Brecht Bau vermutet hätte. Aber was bitte hat Literaturtheorie mit praktischer Theologie zu tun? Ist die Theologie etwa so praktisch wie die Literatur theoretisch ist? Oder bin ich dann als Literaturwissenschaftler praktisch schon Theologe?
Als ich da so im 3. OG des Theos an der Balustrade gelehnt stand, in verschiedenen Texten zur Literaturwissenschaft blätternd, geriet mein Weltgefüge dann doch wieder ein wenig ins Wanken.
Gleichzeitig brach draußen der Regen über die Welt herein...

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