Dienstag, 21. April 2009

Das letzte Seminar

Damit man mir auch wirklich glaubt, dass ich doch schon ein älteres Semester bin: Im März hatte ich es schon, mein wirklich letztes Seminar! Und für den Schluß hab ich mir natürlich noch ein richtiges Schmankerl aufgehoben: "Datenanalyse und Forschungsdesign für Politikwissenschaftler" als Blockseminar. In ein paar wenigen Tagen quasi eine Einführung in die Statistik! Òle-Òle!
Sollte da jetzt etwa noch was kommen, was mich schocken könnte? Nochmal ein Referat, nochmal ein paar Stunden absitzen, nochmal ne Klausur... hatten wir doch jetzt schon oft genug. Ich wusste ja nicht, wie ich mich doch täuschen sollte...

Alles fing damit an, dass ich mich brav letztes Jahr im August schon via unserem elektronischem Semester-Verzeichnis zum Kurs im März angemeldet hatte.

Monate zogen ins Land, keine Neuigkeiten bezüglich dem Seminar und langsam kamen mir Zweifel, ob der Kurs überhaupt statt findet. Doch dann erreichte mich Anfang des Jahres eine Mail von unserem Bibliothekar: Ich erhalte diese Mail, weil ich mich online zu diesem Kurs angemeldet hatte. Nun gäbe es aber eine Liste an der Bibliotheksaufsicht, auf der ich mich nochmal - verbindlich - anmelden und mir auch gleich ein Referatsthema aussuchen sollte.
Schön, wie uns die Technik heute doch das Leben leichter macht! Also bin ich hin und hab mich in dieser Liste eingetragen und auch mal neben einem Referatsthema, wo bisher noch niemand stand: "Was ist eine wissenschaftliche Theorie?" Das war also Anfang Januar.

Wochen zogen ins Land und ich begann mich zu fragen: halte ich das Referat jetzt alleine? Wie lang soll das Referat werden? Und was soll ich eigentlich genau erzählen. Mitte Februar, 3 Wochen vor dem Seminar bekomme ich dann eine Mail: "Wir sollen zusammen ein Referat halten!" Cool, denk ich mir. Da haben wir relaxte 3 Wochen Zeit um sich mal zu treffen, was zu lesen, das aufzuteilen, etc. Ein paar Tage später treffen wir uns dann tatsächlich auf nen Kaffee im Clubhaus. Mittlerweile kam sogar noch ein dritter Typ hinzu. Ich war anfangs leicht irritiert: Die beiden waren 1.Semester Bachelor, Sinologie mit Politik im Nebenfach. Was bitte machen die denn in nem Hauptseminar? Bachelor-Modul machts möglich! Der eine davon hatte jetzt sogar schon mal ein Referat an der Uni gehalten, der andere noch nicht.
So langsam schlug meine Irritation dann aber doch in blankes Entsetzen um: "Ja, also ich bin jetzt erstmal 2 1/2 Wochen weg, aber dann rechtzeitig zum Seminar wieder da!"
Öhmm... und das Referat? "Achso... ja... vielleicht kann ich auch schon So Nachmittag wieder kommen!" Genau, und dann haben wir ja noch massig Zeit, bis wir am Montag Vormittag dann was über Metha-Theorien erzählen sollen.
Nur ganz knapp kann eine Eskalation der Situation verhindert werden und wir einigen uns darauf, dass wir uns schon am Fr Nachmittag treffen wollen, und das bis dahin jeder die Pflichtlektüre gelesen haben soll.
Uff... das kann ich was werden. Da wir noch immer nicht wissen, wie sich der Prof das Seminar eigentlich vorstellt, setze ich mich zu Hause dann mal an den Rechner und stelle ihm per Mail ein paar Fragen. "Wie lang? Inhaltlicher Rahmen? Eher die Pflichtlektüre aufbereiten oder eher an Beispielen den Text anschaulich machen oder eher zusätzliche Erläuterungen einbringen?" etc. Als Antwort bekomme ich genau 4 Worte, eine Ziffer und ein Satzzeichen: "1 Stunde, Pluralität der Ansätze"
Das war der Moment an dem ich dachte: soll ich nicht vielleicht doch noch ein Semester länger studieren und mir nächstes Semester ein anderes Seminar zu dem Thema suchen? Oder soll ich vielleicht doch noch mein Studium abbrechen? Auswandern? Reich heiraten und nie wieder einen Finger krumm machen? Als ich nach und nach alle Alternativen doch wieder verworfen habe, setze ich mich dann aber doch dran, diese blöden Text zu lesen, der wahrlich nur schwer zu verstehen war.

Tage zogen ins Land und es wurde schließlich Donnerstag, der Tag vor dem letzten Wochenende vor dem Seminar. Ich erhielt eine Email: "Ich komm jetzt doch erst So wieder nach Tübingen. Hab mit dem anderen telefoniert und wir haben uns das Referat so aufgeteilt. Du übernimmst den letzten Teil. Und wir machen Power Point. Wir können uns dann gerne So Abend noch treffen, wenn du das gerne möchtest."
Achso, ja klar, ich werd mich um die letzten 20 Seiten kümmern, in denen es zum Schluß nur noch um irgendwelche Formeln und Herleitungen geht, von denen ich kein Wort verstehe, während du die Einleitung machst. Es fiel mir schwer, nicht dem Bedürfnis nach zu geben, irgend etwas kurz und klein zu schlagen und beschränke mich auf eine extrem pampige Email. Sicherheitshalber gab es dann vor dem Referat kein Treffen, um der Gefahr eines spontanen Todschlags aus dem Weg zu gehen.

Stunden zogen ins Land, in denen ich versucht habe, so viel wie möglich von diesem Text doch noch zu verstehen und in eigenen Worten wieder geben zu können. Die letzten Seiten werden dann einfach mal gekürzt, im Hinblick auf die Zeitkonzeption des Referats als Gesamtwerk. Dazu dann mal noch 6 Seiten PowerPoint, dass die anderen dann gefälligst an ihre Präsentation hinten dran hängen sollen, damits wenigstens einheitlich aus sieht.

Es ward Abend, es ward Morgen und es wurde Montag. Und siehe, es war alles andere als gut, aber da musste ich nun eben durch. Montag früh um 8 Uhr am Institut für Politikwissenschaft... eine extrem schlechte Raum-Zeit-Kombination. Wie wir den Seminarraum betreten wollen, stellen wir fest: Es gibt weder Tische noch Stühle. Der Raum ist komplett leer bis auf den an der Decke befestigten Beamer.
Vom Fenster aus können wir unter einem Holzverschlag im Hinterhof Tische und Stühle ausfindig machen. Also müssen ein paar von uns aus dem Fenster klettern, weil niemand nen Schlüssel für den Hof hat, und wir tragen Tische und Stühle durchs Fenster in den Raum. Zeitweise vermute ich noch, dass das alles irgendwie versteckte Kamera sein muss, und mich jemand gewaltig verarschen will. Aber dann doch nicht.
Das Seminar beginnt ganz normal, zum Glück ist der Dozent recht locker drauf: Wenn wir früher fertig werden, ists auch nicht so schlimm.

Ein paar Referate kommen noch vor uns, und dann sind wir dran, gerade noch vor der Mittagspause. Meine Referatskollegen beginnen mit ihren Teilen und es ist der Anfang von einem Alptraum von einem Referat. Zum meinen 6 Seiten haben die anderen beiden zusammen dann noch 80 Seiten Power Point vorbereitet! Es wäre kürzer gewesen, wenn sie den Text eingescannt und vorgelesen hätten...
Das Referat beginnt mit dem Satz: "Metha-Theorien heißen die Theorien, die etwas von der Realität abgehoben sind." Das nackte Grausen läuft mir den Rücken rauf und runter, verfolgt vom blanken Wahnsinn. "Laut loslachen" oder "vor Scham im Boden versinken" ??? Als einzige Alternative blieb mir der Blick aus dem Fenster: Da waren nämlich Eichhörnchen zu beobachten, und das hat mich dann schließlich doch über weite Strecken des Referats gerettet.
Zwischendurch hab ich mir dann auch immer wieder mal ein paar Zitate von meinen Kollegen notiert: "Die Ozonschicht reißt auf und dadurch entsteht Hautkrebs!" "In der Wissenschaftstheorie spielen theoretische Begriffe eine wichte Rolle." "Theorien sind mehr fruchtbarer oder weniger fruchtbarer."
Insgesamt haben die beiden allein dann schon über ne Stunde geredet und ich konnte es nicht verstehen, warum der Prof nicht unterbrochen hat. Naja, und dann kam ich auch noch. Dadurch hatte ich zum Glück noch mehr Grund, das ganze noch weiter abzukürzen. Es war ein absolutes Drama und alle waren froh, dass danach dann gleich die Mittagspause kam.

Aber genaugenommen war das ganze Seminar ziemlich öde und unser Referat nur ein besonders wüster Höhepunkt. Das einzig gute am Ende war: die Referate wurden nicht benotet und wir bekamen die Klausurthemen schon einen Tag vorher gesagt.
Demnächst muss ich dann mal noch meinen Schein abholen...

Alles in allem ein absolut unvergessliches Ende meiner Uni-Seminars-Karriere. Demnächste sollte ich eigentlich mal noch ein Best-Of meiner bisherigen Uni-Referate davor zusammenstellen, denn da war schon auch so manches amüsante dabei.

Aber an das letzte Seminar kann doch nichts davon heran reichen.

Und die Moral von der Geschichte: Eichhörnchen sind Metha-Theorien stets vor zu ziehen!

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