Montag, 30. Juni 2014

Wie ich fast nach Chile ausgewandert wäre... aber dann doch nicht

Die Agentur für Arbeit bietet auch eine Vermittlung für Stellen in Ausland an. Was Arbeitsvermittlung angeht trau ich der Agentur zwar nicht viel zu, denn die Angebote in der Online-Jobbörse kann sich jeder ja auch selber anschauen. Aber da ich dachte dass es ja auch nicht schaden kann, hab ich mich also auch noch mal in Berlin registrieren lassen, damit sie mich über das nächste passende Stellenangebot informieren können.

Tatsächlich bekam ich nun vor einer Weile einen Vermittlungsvorschlag aus Chile: Lehrer für Deutsch als Fremdsprache. Also hab ich fix ein Anschreiben verfasst und meine Bewerbungsunterlagen per Mail da hin geschickt. 10 Minuten später klingelt mein Telefon und ich führe ein transatlantisches Gespräch mit einer Frau aus Chile. Deutsche Auswanderer in der 2.Generation, die in Tourismus machen und auch eine Schule haben... Was die da jetzt erzählt klingt etwas anders als in der Stellenbeschreibung online, aber bei den Latinos ist alles eh etwas lockerer. Da ruft man einen Bewerber auch schon mal an, bevor man die Bewerbungsunterlagen vollständig durchgelesen hat. Man bittet mich, noch einen kleinen Aufsatz mit Ideen zu außerschulischen Freizeitaktivitäten zu schreiben. So werden sie wohl herausfinden wollen, wie ich so ticke, was ja aus der Entfernung auch nicht so einfach zu beurteilen ist.

Also schreibe ich ein paar Zeilen, auch wenn ich nicht genau weiß, wer da nun eigentlich genau zur Zielgruppe gehört. Aber so kann ich ja auch differenzieren und mehr schreiben und betonen wie wichtig es ist auf die individuellen Bedürfnisse der Lerngruppe einzugehen, usw.

Nebenbei recherchier ich im Internet weiter über diese Auswanderer. Bayerische Urlaubsidylle mitten in den Anden, ziemlich abseits vom Rest der Welt. So ein bisschen gruselig find ich das schon, wenn ich da auf der Homepage dicke blonde Kinder in Lederhosen auf einer Bühne Schuhplattler aufführen, obwohl weder sie noch ihre Eltern jemals in Bayern waren. Aber sowas gibts nicht nur in Chile sondern auch in Argentinien, wo ich sogar selber schon  auf einem "Oktoberfest" war. Das ganze sieht dann zwar eher aus wie ein schweizer Bergdorf, aus den Lautsprechern schallt einem auch immer wieder mal "Heidi, deine Welt sind die Berge" entgegen und als Souvenirs konnte man sich DVDs der japanischen Heidi-Zeichentrickserie dazu kaufen. Aber für den Rest der Welt ist die Schweiz eh deutscher als jeder Deich in Ostfriesland. Selbst für die Auswanderer, deren Vorfahren Ostfriesen waren.

Aber irgendwo fand ich diese Aussteiger-Sache auch schon immer reizvoll. Warum nicht in den Anden ein bisschen Theater für Touristen spielen um dann in der Ruhe des Abends die Sonne im Pazifik untergehen zu sehen.
Ich recherchier dann noch etwas weiter, wo dieses Dorf "Villa Baviera" denn nun genau in Chile liegt, lese ein etwas was über die Region und eine andere deutsche Kolonie in der Gegend, deren Name mir durchaus etwas sagt: Colonia Dignidad. Moment mal, eine ANDERE deutsche Kolonie? Ich klicke mich weiter, werde leicht panisch und seh es dann schwarz auf weiß: Das ist die selbe Kolonie, die sich einen neuen Namen gegeben haben. Meine Güte, wo bin ich da jetzt wieder rein geraten??? Mit Schlaf ist für diese Nacht schon mal nicht mehr zu rechnen und ich lese mich durch verschiedene Artikel mit mehr oder weniger glaubhaften Informationen. Und ich bestell mir die Autobiografie von einem der wenigen Aussteiger, der mittlerweile in Deutschland lebt.

Nebenbei schreib ich dann auch mal noch eine Mail an Auslandsvermittlung, ob sie sich denn bewusst sind, dass es sich bei dem besagten Arbeitgeber um eine religiöse Sekte mit Nazi-Vergangenheit handelt, die während der Militärdiktatur in Chile an Folter, Kindessmissbrauch, Pharma-Experimenten und Waffenhandel beteiligt war. Die bayerische Idylle ist wohl auch Teil einer Endzeit-Vision, in der Jesus auf die Erde zurückkehrt, um in den Anden sein Tausendjähriges Reich nach bayerischer Tradition aufzubauen.
Das ganze Gebiet ist etwa so groß wie das Saarland, und liegt gut 40 Autominuten von der nächsten Straße entfernt. Also schön abseits, weswegen damals viele Fluchtversuche scheitern mussten. Unter dem Hotel, wo sich Touristen in großen Holzfässern für Sprudelbädern entspannend können, liegt noch immer ein weitläufiges Bunker-System, wo früher Regimegegner zu Tode gefoltert worden sein sollen. Angeblich soll es da auch noch eine mysteriöse, 3m dicke Betontür geben, die bis heute niemand öffnen konnte. Anfang des Jahres hat mein beim Umgraben wohl auch noch irgendwo Menschenknochen gefunden.
Nach Ende der Militärdiktatur mussten die Anführer dann fliehen und die meisten sind mittlerweile wohl gefasst und manche auch schon gestorben. Zudem sitzen fast alle Männer der Kolonie wegen Mitwisserschaft im Gefängnis. Die Frauen, die natürlich alle von nichts wussten weil sie ja Frauen sind, verbringen jetzt ihren Ruhestand im bayerischen Dorf, während ihre Kinder sich um sie kümmern und den Laden schmeißen müssen. Kinder, die während ihrer Kindheit nicht mal wussten, wer ihre Eltern oder Geschwister sind, und auch nur eine grobe Ahnung davon hatten, dass es sowas wie ein anderes Geschlecht gibt.

Die Arbeitsvermittlerin hat mich am nächsten Morgen dann gleich völlig entsetzt zurück gerufen, denn sie wusste das alles natürlich nicht. Nach ein paar Stunden kam dann heraus, dass anderer an höherer Stelle das natürlich schon wussten und mir versicherten, dass sich die Gruppe völlig von ihrer kriminellen Vergangenheit distanziert hat.
Tatsächlich bekommt oder bekam diese Kolonie auch finanzielle Unterstützung zur "Integration in die chilenische Gesellschaft". Wahrscheinlich ist das billiger, als wenn sie nach Deutschland zurück kämen und hier die Sozialkassen belasteten.

Vor 2 Wochen war sogar ein Artikel in der ZEIT über dieses Dorf, wo es wirtschaftlich gar nicht gut läuft. Denn anscheinend wollen sich Touristen doch nicht so gerne eine Stunde lang über Schotterstraßen fahren lassen, um dann in einem ehemaligen Folterlager Bratwurst mit Sauerkraut zu essen, oder im Sprudelbad zu entspannen und die Nacht dort zu verbringen.

Und ich muss es wohl nicht nur als mein Talent, sondern auch als mein Schicksal hinnehmen, dass ich es immer wieder mit höchst seltsamen Leuten zu tun habe. Neben schlaflosen Nächsten hab ich dann immerhin auch was zu erzählen.

1 Kommentar:

Annette Weber hat gesagt…

Ach du Schreck! Wäre wirklich schade um dich, wenn du plötzlich hinter irgendeiner Betontür auf dein Ende warten würdest.
Dass diese Gruppe immer noch existiert, ist wirklich unheimlich. Aber spannend ist es schon ... solltest du mal an einem Gruselschocker arbeiten, wäre ein bisschen Recherche sicherlich interessant. Ansonsten würde ich es doch eher am Goetheinstitut versuchen.
Viel Glück weiterhin!