Freitag, 26. Dezember 2014

Freie Tage!

Endlich ein paar freie Tage, an denen ich nicht an Unterrichtsvorbereitung und Planung denken muss! Das Essen kocht die Mutter, also muss ich mich um nichts kümmern und kann in Ruhe mit dem Hobbit einmal hin und zurück reisen, Schätze stehlen und Drachen bekämpfen. 

Irgendwie war alles etwas angespannt die letzten Wochen: Zeitdruck, Kollegen wurden gefeuert und neue erst nicht gefunden und jetzt ist immer noch nicht klar, wie lang das jetzt so weiter läuft. Ab April soll wieder alles anderes werden und angeblich sogar ein neuer Chef kommen. Lassen wir uns mal überraschen.

Zudem habe ich beschlossen, mich neben der Arbeit auch ehrenamtlich für die Asylbewerber zu engagieren. Nachdem ich die Zeit gefunden hatte, einmal in ihrem Wohnheim vorbei zu schauen, ist dieser Entschluss endgültig fest gestanden. Eigentlich wollte ich nur etwas aus der Apotheke vorbeibringen und mit ein paar Schülern reden, die schon länger nicht mehr in der Schule waren, aber dann wurde ich direkt zum Essen eingeladen und ich konnte mich abwechselnd mit mehreren unterhalten. Außer der Schule haben sie wirklich nichts zu tun und Langeweile ist tatsächlich eines der größten Probleme, die dann zu Alkohol oder sonstigen Dummheiten führen.

Die ganzen Pegida-Demonstrationen finde ich sehr traurig. Fakt ist, dass Deutschland rund 300.000 Einwanderer braucht, damit unser aktuelles Sozialsystem aufrecht erhalten werden kann. Die Asylbewerber gefährden unser Retensystem nicht, sondern könnten es retten, wenn es gelingt sie in unsere Gesellschaft und unseren Arbeitsmarkt zu integrieren. 
Z.B. im Hotelgewerbe nimmt man derzeit jeden Azubi, auch wenn die überhaupt kein deutsch können. Da habe ich zuletzt zwei Spanier kennen gelernt, denen ich eventuell auch bald deutsch beibringen darf, wenn das Arbeitsamt den Kurs genehmigt.
Andere Branchen im Mindestlohn-Bereich leben ja schon lange von ausländischen Arbeitern. Da kann man nun schimpfen, dass so der Arbeitsmarkt kaputt gemacht wird... oder froh sein, dass wir uns Luxusartikel wie Schokolade im Supermarkt noch immer leisten können.

Von meinen Schülern sind die meisten auf einem guten Weg. Einige haben für nächsten September sogar schon Ausbildungsplätze in Aussicht: Köche, Bäcker, KFZ-Mechaniker, Frisöre oder im Einzelhandel - es ist schön, wie einige trotz Schwächen in der deutschen Sprache einfach durch ihre Arbeit und ihr Engagement im Praktikum überzeugen können. Und als ob das Abendland gefährdet wäre, wenn plötzlich ein Moslem oder ein Hindu die Sonntagsbrötchen backt, oder am Abend noch schnell das Auto repariert, damit es am nächsten Tag schon wieder fährt.

Man hofft, dass irgendwie doch noch die Einsicht kommt, bevor etwas eskaliert.
Das nächste Jahr wird auf jeden Fall spannend! Genießt die letzten Tage in diesem alten Jahr. Ein bisschen Schnee hats ja jetzt auch noch gegeben und ich hoffe, ihr könnt euch alle daran freuen.

Samstag, 15. November 2014

Unterrichtsgespräch

Schüler: Ich hab einen neuen Laptop. Können sie den einrichten?

Ich: Ehmm... nein?

Schüler: Ich brauch Windows. Und auch paar andere Programme. Was sie halt so da haben.

Ich: ... Nein, ich kann dir da nicht helfen.

Schüler: Bitte! Sie müssen mir helfen. Sie können das doch!

Ich: Tut mir Leid, ich hab keine Zeit.

Schüler: Achso, aber am Wochenende? Ich doch nicht schlimm, wenn es zwei oder drei Tage dauert.

Ich: Nein, ich richte keine Computer ein.

Schüler: Ach bitte! ... Ich brauch den Laptop weil mein anderer ist schon voll alt...

....

Mittwoch, 12. November 2014

Abdirisaks Reise

Bevor Abdirisak in meine Klasse kam, hatte er schon eine wirklich lange Reise hinter sich. Mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder ist der damals 16jährige aus Somalia geflüchtet. Sein Weg führte ihn quer durch Nordafrika, durch Wüsten und unwegsames Gelände bis nach Libyen. Dort ist die Situation noch immer so unübersichtlich, dass man am einfachsten ein Boot übers Mittelmeer organisieren kann.
Irgendwo auf dem Weg wurde er dann auch noch von seiner Familie getrennt. Er musste sich allein weiter durch schlagen, in der Hoffnung, dass er seine Mutter irgendwo in Deutschland wieder finden könnte. Und tatsächlich sind am Ende alle in Bayern gelandet und man konnte die Familie wieder zusammenführen.

So eine Reise hinterlässt bei vielen Flüchtlingen Spuren. In den ersten Wochen waren fast alle Schüler in meiner Klasse sehr ernst und still. Abdirisak hingegen hat von Anfang an geredet und gelacht. Die Buchstaben musste er sich mühsam abmalen, aber neue Wörter hat er super schnell gelernt und wenns sein musste auch eben mal neue erfunden, wie z.B. Handyball (statt "Handball").

Fröhlich und unbekümmert ist er letzten Samstag dann auch auf sein Fahrrad gestiegen um bei sonnigem Wetter in die Stadt zu fahren. Vielleicht wusste er nicht, wie das so abläuft bei einem unbeschrankten Bahnübergang, vielleicht hat die Sonne zu sehr geblendet oder vielleicht war er auch einfach nur unaufmerksam.

Heute waren wir mit der gesamten Klasse in München auf der Beerdigung. Nach muslimischem Glauben müssen wohl mindestens 40 Leute für einen verstorbenen Beten, damit er ins Paradies gelangen kann. Da es aber über 100 Leute waren, sollte es keine Rolle spielen, in wie weit die Christen mitgezählt werden konnten. Erst wurde vor dem Sarg gebetet, dann der Sarg ins Grab hinab gelassen und ein 2.Mal gebetet. Dann durfte jeder Erde ins Grab werfen, bevor der Bagger das Grab dann völlig zugeschüttet hatte. Danach wurde vor dem Grab ein 3.Mal gebetet.

Der Imam hat auf Deutsch geredet und es gab eine Übersetzung auf Somali. Die Stellen aus dem Koran wurden natürlich auf arabisch vorgesungen.
Die Beerdigung war sehr ökumenisch gestaltet und jeder durfte mitmachen und so nah ans Grab heran kommen, wie er oder sie wollte. Es fiel dabei jedoch auf, dass die Frauen umso verhüllter sie waren, desto weiter abseits standen. Auch Abdirisaks Mutter stand die ganze Zeit abseits und ist erst nach der eigentlichen Beerdigung mit den anderen Frauen ans Grab gegangen. Sein jüngerer Bruder musste hingegen die Gäste begrüßen und immer in erster Reihe stehen.

Mit 17 Jahren ist seine Reise nun vorbei. Durch die Wüste hatte er es geschafft. Übers Mittelmeer auch noch. Seine Familie hatte in einem fremden Land wieder gefunden, obwohl er anfangs nicht mal seinen Namen schreiben konnte. Aber ein Moment der Unaufmerksamkeit hat gereicht, und alles kam vorzeitig zu einem Ende.


Sonntag, 12. Oktober 2014

Der See ruft

Drei anstrengende Wochen liegen hinter mir! Die ersten Wochen Unterricht waren immer wieder eine Herausforderung. In meiner Anfängerklasse sind überwiegend Afrikaner (Somalia, Senegal, Eritrea und Mali), bei den Fortgeschrittenen sind es überwiegend Pakistani und Afghanen. Abwechselnd war ich dann überrascht was die schon alles können, und was sie einfach nicht kapieren. Gerade was das Schreiben angeht war ich zuerst entsetzt, aber als mir dann eine Kollegin Vergleiche aus ihrer Klasse mit deutschen Schülern gegeben hat, musste ich meine Ansprüche schlichtweg herunterfahren. Klar, das ist hier ja Berufsschule und das Ziel ist ein Hauptschulabschluss, damit sie eine Ausbildung anfangen können.

Dann musste ich auch noch lernen, wie ich das elektronische Klassenbuch zu führen habe (seit Freitag kann ich mich nun auch schon mit meinem Zugang auf dem PC im Klassenzimmer einloggen, was das Ganze doch deutlich einfacher macht), ein Klassenbuch aus Papier gibt es auch noch, und dann muss ich über meine Arbeitsstunden auch noch Buch führen. Vielleicht lerne ich nächste Woche dann auch noch, wie ich Geld für Lehrbücher vom Bildungspaket beantragen kann. Momentan ist das alles noch etwas frustrierend, weil ich bei den meisten Dingen noch keine Ahnung habe, was ich alles wie ausfüllen soll.

Eine Wohnung musste ich ja auch noch suchen, aber nach gut 10 Besichtigungen habe ich nun doch eine schöne kleine Wohnung direkt am Tegernsee gefunden, in die ich nächstes Wochenende nun endlich einziehen kann. Der Umzug... so sehr ich mir auch wünsche, mein Zeug würde einfach von selbst an den Tegernsee spazieren und sich an den richtigen Stellen aufbauen und einräumen... aber so läuft das eben nicht.
Also fang ich schon mal an, Kartons zu packen und Möbel auseinander zu bauen. Lampen hab ich schon gekauft, eine Stange für den Duschvorhang im Bad muss noch befestigt werden, Internet und Telefon sind bestellt, ebenso wie ein Einbaukühlschrank. Und hoffentlich bleibt das Wetter auch erstmal so schön, denn Winterreifen hab ich auch noch keine für mein neues Auto...

Wenn die nächsten zwei Wochen nur schon vorbei und das alles erledigt wäre. Immerhin gibt es dann ja auch schon die ersten Ferien und ich kann hoffentlich mal eine Stunde in Ruhe am See entlang spazieren und mich über mein neues Leben freuen.

Samstag, 20. September 2014

Schritt für Schritt

Am Montag gehts los!
Und ich bin so aufgeregt... in der letzten Woche habe ich nun etwas mehr erfahren. Immerhin hab ich meine zukünftigen Klassenzimmer gesehen und ein paar Kollegen kennen gelernt. Aber was da nun wirklich auf mich zu kommt werd ich dann doch erst am Montag sehen.

Bisher gehe ich von etwa 20 Flüchtlingen und Asylbewerbern im Alter von 16 bis 21 Jahren aus, die kein Deutsch können. Möglicherweise sind auch Analphabeten darunter. In einem Jahr soll ich denen dann Deutsch beibringen, in 11 Wochenstunden pro Person.
Zusätzlich sollten diese womöglich traumatisierten jungen Menschen auch noch von einer(m) Sozialpädagogin(en) betreut werden, aber die Stelle ist derzeit noch nicht besetzt.
Das Ziel ist, dass sie in einem Jahr anfangen können sich auf Praktika zu bewerben, um sich dann für eine Ausbildung entscheiden zu können. Bis dahin müsste dann allerdings auch ihr Aufenthaltsstatus längerfristig geklärt sein.

So eine Klasse im 2.Jahr unterrichte ich dann auch noch für ein paar Stunden, um ihr Deutsch zu "intensivieren". Ein bisschen Sozialkunde soll ich als Landeskunde dann auch noch einfließen lassen. Aber hey, Politik hab ich ja schließlich auch mal studiert, auch wenns mir so vorkommt, als wäre das jetzt schon ewig her.

Wegen den Lehrbüchern ging es letzte Woche ein paar Mal hin und her, aber jetzt sind sie immerhin schon bestellt. Damit ich wenigstens ein bisschen was vorbereiten kann, hab ich sie mir selber schon gekauft. Jetzt hab ich einen groben Plan und ein paar Ideen mit denen ich zur Not auch improvisieren kann. Hoffe ich zumindest.

Einen Platz im Büro der Sozialpädagogen bekomm ich sogar auch noch, aber die Räume sind noch gar nicht eingerichtet.

Mein Übergangszimmer ist eigentlich schön und gemütlich, auch wenn es im Keller liegt und keine Fenster hat. Das Dorf liegt zudem am Ende der Straße am Waldrand und war früher mal ein Arbeiterdorf bei einem Kohlebergwerk. Diese Kohle ist nun zwar weg, aber dafür ist andere Kohle im Form von Urlaubern gekommen, die da nun ihre Ferienhäuser haben, Golf spielen oder sich einfach daran freuen abseits von jedem Handy-Netz wohnen zu können.
Nächste Woche stehen bei mir aber auch noch Wohnungsbesichtigungen an: Von Kleinstadt-Zentrum bis Dorf am See ist erstmal alles dabei, und ich hoffe bis Ende der Woche schon eine gute Entscheidung treffen zu können, mit der auch mein Geldbeutel einverstanden ist.

Wenn das alles so klappt, und nächstes Wochenende dann auch noch mein neues Auto zur Abholung bereit steht, ja dann wären die ganzen Unsicherheiten derzeit vielleicht sogar geklärt. Und eventuell würd ich dann auch mal wieder ruhig schlafen.
Aber erstmal heißt es dann doch noch etwas abwarten und Schritt für Schritt weiter schauen.

Sonntag, 14. September 2014

Abbrüche, Aufbrüche


Freitag Abend, der Blick aus dem Wohnzimmerfenster. Am Montag stand da noch ein Haus! Seit März stand das nun schon leer und monatelang ist nichts passiert. Doch dann ging alles total schnell, ein paar Tage nur.

Während am Montag also der Bagger zu uns in die Straße kam, bin ich am Dienstag, wieder mal, zu einem Vorstellungsgespräch. Da hatte sich ja nun auch wieder mal monatelang nichts getan. Doch diesmal: Zusage am Mittwoch, Vertragsauflösung mit der Schoko-Fabrik am Donnerstag. Schlag auf Schlag sieht plötzlich alles anders aus!

Eine Woche ist das nun schon her, mein letzter schokoladiger Arbeitstag liegt bereits hinter mir und unglaublich viele Dinge mussten organisiert werden, damit ich morgen schon zu meiner neuen Arbeit aufbrechen kann. Irgendwie hat es geklappt, mit einem möblierten Zimmer als Übergangslösung, und irgendwie werde ich mich auch durch die nächsten Tage kämpfen. Bisher kann ich es noch gar nicht einschätzen, was da genau auf mich zukommen wird... Aber ich freu mich drauf!

Montag, 25. August 2014

CSI Memmingen

Freitag Morgen, 6 Uhr, Tatort Fabrik.

Statt wie gewohnt zur Arbeit zu gehen stehen wir alle vor dem Fabrikgebäude. Die Polizei steht vor dem Eingang: Es wurde eingebrochen und wir müssen auf die Spurensicherung warten. Es wird wild spekuliert, was denn passiert sein könnte, denn es dauert fast eine halbe Stunde, bis die Spurensicherung ankommt.

Da uns das Fernsehen ja mit ausreichend falschen Erwartungen gefüttert hat hoffen wir auf unglaublich coole Typen mit Sonnenbrillen. Aber stattdessen parkt die Spurensicherung erstmal am falschen Ende der Halle und wir müssen sie durch Winken und Rufen wieder auf die richtige Spur bringen. Nach einer kurzen Lagebesprechung mit den Streifenpolizisten zieht der eine Spurensicherer eine Lampe aus dem Koffer wie ich sie bei Joggern auch schon gesehen habe. Wie er die auf dem Kopf trägt sieht ziemlich dämlich aus und ich verstehe, warum Gary Sinise lieber mit einer Stabtaschenlampe geleuchtet hat.
Mit Lampe ausgestattet will unser Mann dann also endlich loslegen und greift beherzt zu seinem Spurensicherungskoffer. Den hatte er allerdings nicht mehr richtig verschlossen nachdem er seine Lampe rausgeholt hatte, und so öffnet sich der Koffer und der Inhalt verstreut sich auf dem Boden. Wie er dann so auf dem Boden kniet und sein Zeug wieder einsammelt, sehen wir die Chancen der Einbrecher stetig steigen.

Nachdem wir dann gut eine Stunde draußen gestanden sind und den Sonnenaufgang bestaunt haben, dürfen / müssen wir dann doch noch zur Arbeit. Anscheinend wurde der Tresor im Büro des Chefs mit einer Flex geöffnet. Was da mal drin war, will uns aber keiner verraten. Wir befürchten jedoch das schlimmste: Der Schlüssel zum Porsche vom Chef. Oder am Ende sogar die Schlüssel zum ganzen Fuhrpark???
Später am Tag kommt dann noch der Produktionsleiter bei mir vorbei und meint, dass wir beide nun schon als Täter ausgeschlossen werden können, da wir nicht durch das Loch im Zaun passen würden, durch das die Einbrecher aufs Gelände eingestiegen sein sollen.

Na, ein Glück dass ich nicht noch mehr Sport gemacht habe, die letzten Monate!