Dienstag, 20. März 2012

Bis der Rettungshubschrauber kommt

Es scheint zu einer neuen Angewohnheit zu werden, dass ich auf dem Weg zum und vom Einkaufen in seltsame Situationen gerate.
Heute wieder. Und alles sah so harmlos aus.

Zwei junge Leute winkten mir fröhlich zu, ob ich nicht 2 Minuten Zeit hätte. Sie standen da an ihrem Tisch und ich war mir fast sicher, dass sie irgendwelche Spenden sammeln wollten. Aber für den Fall, dass es sich auch um eine Unterschriftenaktion für ne gute Sache oder ähnliches handelt, gab ich ihnen doch zumindest mal diese 2 Minuten, die dann doch mindestens 5 wurden:

Der junge Mann ergriff das Wort: Es ging um den Deutschen Flug Rettungsdienst, also quasi der Krankenhubschrauber, der aber irgendwie nicht zu 100% vom Staat finanziert wird. Bla-bla. Bla-Bla. Und wo kommst du denn her? Und was machst du in Tübingen? - Der plötzliche Themenwechsel erscheint mir verdächtig, aber ich gehe vorsichtig drauf ein. Bei der Gelegenheit kann ich ja auch gleich anklingen lassen, dass bei mir finanziell gerade nichts zu holen ist. Er erzählt mir dann auch etwas von sich und seiner Vergangenheit im Osten Deutschlands und kommt dann darüber wieder auf die überall in Deutschland stationierten Rettungshubschrauber zu sprechen und in welchem Radius die wie schnell wo sein können. Bla-bla. Bla-bla. Bla-bla. Und bist du eigentlich verheiratet? Hast du Kinder? - Ehmmm... Nicht das ich wüsste? - Sie ist nämlich auch noch Single und sucht einen Mann!
Die junge Frau, die mir von der Körpergröße her gut unter meine Achselhöhle gepasst hätte, und bisher schlichtweg dekorativ neben mir stand, hakt sich plötzlich bei mir unter: Ja, sie ist noch zu haben und hat ab 18 Uhr Feierabend. Er ergänzt dass sie Italienerin ist und später viele Kinder haben will. Da wirds also ganz schön heiß! Ein Stoß mit dem Ellenbogen in meine Seite, er zwinkert und sie nickt bekräftigend. Ich bin zu perplex um davonzulaufen, und so redet er weiter von Schwerverletzten und zu wieviel Prozent ihre Überlebenschance steigt, wenn ein Rettungshubschrauber in der Nähe ist. 80% mehr als im Krankenwagen könnten so lebend das Krankenhaus erreichen. Aber manche sterben dann halt auch dort. Es folgt eine Liste verschiedener Verletzungen die durch Verkehrsunfälle entstehen können. Ich weiß absolut nicht mehr, was ich denken soll.
Zum Schluß soll ich dann also Mitglied werden im Förderverein, dürfe mir meinen Spendenbetrag frei aussuchen, der dann aber irgendwie kontinuierlich erhöht werden soll. Und 3mal im Jahr gibt auch eine Zeitschrift ins Haus mit Reportagen über Überlebende. - Ich lehne ab.
Er bedankt sich für meine Aufmerksamkeit und sie besteht darauf, dass ich sie nachher hier abhole und mit ihr einen drauf mache, bis der Rettungshubschrauber kommt. - Lächeln. Nicken. Weglaufen.

Kommentare:

AnnetteWeber hat gesagt…

Ich dachte immer, das passiert nur mir. Hatte schon den Verdacht, es liegt an meinem Caritasgesicht...
Gruß Annette
(Aber jammer jetzt nicht, wenn der Rettungshubschrauber zu spät ist!)

Christian hat gesagt…

Vielleicht hab ich ja auch so ein Gesicht? ^^
Aber ich glaube es liegt eher daran, dass die meisten anderen wohl einfach weiterlaufen, während ich oft den Leuten einfach die Chance geben will, was sinnvolles zu erzählen... vergebens.