Sonntag, 3. Juni 2012

Die dicke Frau und die Freiheit

Gestern habe ich im Fernsehen eine Reportage über eine Frau gesehen, deren großes Ziel es ist, die dickste Frau der Welt zu werden. Ihr Traumgewicht wäre 1 Tonne und sie würde gerne der Welt beweisen, dass es überhaupt möglich ist, so viel zu wiegen. Dazu fehlt der 350kg Frau aber noch einiges an Gewicht, weswegen sie also "gesund zunehmen" will. Man sieht wie sie ein paar Dehnübungen mit den Armen macht und sich etwas im Bett hin und her rollt. Dann isst sie einen großen Teller Nudeln mit Hackfleischsoße, damit sie die Kalorien, die sie bei ihren Übungen gerade verbrannt hat, auch schnell wieder zurückbekommt. Etwa alle 45 Minuten isst sie wieder etwas, weil sie dann auch wieder Hunger hat. Jederzeit das Essen zu können auf das sie Lust hat - das ist für sie der Inbegriff der Freiheit. Wer außer ihr würde denn sonst noch in dieser Freiheit leben?

Man sieht sie nun ihrem Spezial-Rollstuhl, und wie man ihre 50kg mit Mühe durch die Gegend schiebt. Länger als 10 Minuten kann sie sich nicht mehr auf den eigenen Beinen halten. Ihre Oberschenkel hängen ihr auch schon bis zu den Waden herunter, so dass nicht nur die Knochen beim Gehen Probleme machen würden. Nachbarinnen werden gezeigt, die gesundheitliche Bedenken äußern. Aber die seien nur neidisch, weil sie so frei lebt.

Von welcher Freiheit spricht diese Frau denn? Die Freiheit alles Essen zu können, was andere Leute ihr bringen? Die Freiheit von Käfigtieren, jederzeit quer durch ihr Gefängnis laufen zu können?

Mich stört an der Dokumentation, dass sie so wenig kommentiert. Die Ironie der Aussagen und den gezeigten Bildern werden nur implizit nebeneinander gestellt. Ihre normalgewichtige Schwester wird etwas kritisiert, die die Werbetrommel kräftig rührt und Presse-Termine vereinbart. Irgendwie muss das Essen zur Freiheit ja auch bezahlt werden, damit der Traum, eine Tonne zu sein vielleicht doch mal in Erfüllung gehen kann. Ihre beiden Söhne werden gezeigt, von denen der Ältere sich beklagt, dass er oft wegen seiner Mutter ausgelacht wird. Dem Jüngeren scheint irgendwie alles total egal zu sein.

Mir gehen seitdem diese Bilder nicht aus dem Kopf, und wie viele Arten der Selbstgeißelung und Selbstverstümmelung es doch gibt. Und wie Menschen sich dabei auch noch gut fühlen.
Ich bin jetzt so frei und werde mir ein Eis aus der Gefriertruhe im Keller holen. Denn ich habe tatsächlich die Freiheit, die Kellertreppe hinab und wieder hinauf gehen zu können.

Kommentare:

Diandra hat gesagt…

Essen, Körperbilder, Freiheit - in dieser Kombination ein Pulverfass. Und garantiert ein Stimmungsiller auf jeder Party.

Die meisten Leute vergessen, dass es in erster Linie um die Gesundheit geht. Es gibt Leute, die können mit neunzig oder hundert Kilo noch völlig gesund sein - aber das sind eben nicht alle. Und die anderen sagen dann: "Ich fühl mich aber wohl, wie ich bin!" - obwohl sie keine Treppe mehr gehen können, ohne zwischendrin am Geländer zu röcheln. Und am anderen Ende des Spektrums sind diejenigen, die so schwach und ausgezehrt sind, dass sie sich ebenfalls nicht mehr rühren können und dem Säbelzahntiger nur deswgen entgingen, weil der nicht gern an Knochen nagt.

Aber das WIRKLICH absurde sind all die Menschen in der Mitte, die vergleichsweise gesund sind und sich kasteien, um das eine oder andere Ideal zu erreichen.

Christian hat gesagt…

Den meisten Leuten geht es eben in erster Linie nicht um die Gesundheit, sondern um irgendwelche Ziele und Ideale, woher die auch immer kommen mögen. Da wollen muskulöse Leute muskulöser werden, sportliche Leute sportlicher oder aber auch beleibte Leute noch beleibter. Und im Grunde bewegt man sich damit dann immer weiter vom "gesund sein" weg, absichtlich.
Ich finde das in allen Fällen absurd, egal wie nah man vorher am gesunden Zustand dran war.